Kurzgeschichten

Casanova

Meinen seelenvolle braunen Augen hat noch keine Frau widerstehen können. Jedenfalls früher nicht, als ich noch jung und munter war, flink und verspielt.

Jetzt, im gesetzten Alter, sind sie ein wenig verhangen, aber das, was wichtig ist, das sehe ich immer noch sehr gut.

Ich sitze hier, jeden Abend, wenn es dunkel wird, neben der alten Linde am Straßenrand und beobachte das menschliche Theater um mich herum. Manchmal werde ich weg gescheucht, manchmal bekomme ich eine kleine Zuwendung. Aber ich bettele nicht. Ja, ich habe bessere Zeiten gesehen. Aber ich habe auch meinen Stolz.

Bei der Frau, die ich jetzt schon eine ganze Weile beobachte, bin ich mir da nicht so sicher.

Sie kommt jeden Abend bei mir vorbei und setzt sich in das kleinen Café gegenüber, ans hell erleuchtete Fenster. Sie ist selbst nicht mehr die Jüngste. Aber ich mag ihre Augen, groß, blau, neugierig und offen für das Leben. Und sie riecht gut, frisch gewaschen mit einem Hauch von Plätzchenteig oder Bratensoße. Ich mag Frauen, die kochen können. Und ein neues Zuhause hätte ich ebenfalls dringend nötig. Der Winter auf der Straße ist hart, und ganz alleine sein ebenfalls.

Sie will auch nicht länger alleine sein, das habe ich schon begriffen.

Denn jeden Abend kommt ein anderer Mann, der sich zu ihr an den Tisch setzt, auf dem einsam eine rote Rose steht. Manchmal reden sie, öfters schweigen sie. Ich habe noch nie so eine Parade von Losern gesehen, und ich habe schon einiges gesehen. Kein Wunder, dass sie jeden Abend am Ende wieder alleine da sitzt, und ihre Augen ein bisschen weniger leuchten.

Schade, dass sie mich nicht sieht. Ich bin klein und unscheinbar, und sie ist immer in Gedanken versunken. Aber, selbst wenn sie mich sehen würde … Ob ich wohl eine Chance hätte? Ich bin nicht mehr der, der ich mal war. Aber treu, liebevoll und loyal, das wäre ich ihr bis in den Tod.

Heute Abend ist alles anders. Sie sitzt da drüben mit einem Mann, und sie lacht. Beide lachen. Mit keinem anderen hat sie sich so angeregt unterhalten, mit keinem anderen hat sie so viel Spaß gehabt. Sie sieht glücklich aus. Ihre blauen Augen funkeln, und er hat sich zu ihr hinüber gebeugt, gestikuliert, lächelt. Seine Augen lächeln nicht mit.

Ich bin ein bisschen aufgeregt, denn auch dieser Mann kam vorher bei mir vorbei. Ich bin zwar älter, aber meine Nase funktioniert immer noch gut. Ich merke das, wenn etwas nicht stimmt. Angstschweiß und Selbsthass, notdürftig überdeckt von künstlichen Düften. Ich kann den Kerl nicht riechen. Vielleicht bin ich auch ein wenig neidisch.

Sie trinken nicht nur Kaffee. Eine Flasche steht auf dem Tisch, das Gelächter wird lauter. Dann stecken sie die Köpfe zusammen. Da, war das ein Kuss? Ich kann es nicht genau erkennen. Jedenfalls bleiben sie länger als üblich. Mein Hintern wird kalt, aber ich kann mich nicht von meinem Posten wegbewegen. Etwas wird passieren, ich kann es spüren mit jeder Faser meines Körpers.

Das Café schließt. Sie kommen raus, immer noch in angeregte Unterhaltung vertieft. Meine innere Unruhe ist so groß geworden, ich springe auf, aber dann weiß ich nicht, was ich tun soll und bleibe einfach stehen. Der Mann ist auf mich aufmerksam geworden.

„Gott, ist der hässlich, den würde ich nicht mal geschenkt nehmen“, sagt er lachend.

Ihr Lächeln erstirbt. Sie wirft mir einen entschuldigenden Blick zu. Aber er hat schon ihre Hand genommen und zieht sie vorwärts.

„Ich wohne gleich um die Ecke, Süße.“

„Ich weiß nicht, ich…“

Er zieht sie an sich und diesmal küsst er sie wirklich. Eine Duftmischung aus Lust, Unsicherheit und Brutalität weht zu mir herüber. Der Mann legt den Arm um sie und beide biegen um die nächste Ecke. Ich denke nicht weiter nach, sondern folge ihnen einfach. Ich kann mich immer noch ziemlich schnell und unauffällig bewegen, worauf ich sehr stolz bin. Sie stehen in einem Hauseingang, eng beieinander, er streicht ihr über die Wange.

„Du hast mich voll erwischt, Süße“, sagt er.

Ich kann die Lüge riechen, sie hat das Aroma fauliger Herbstblätter.

„Komm rein.“

Er öffnet die Haustür. Was soll ich nur machen?

„Das geht mir ein bisschen zu schnell“, sagt sie und tritt einen Schritt zurück.

Gut so, vielleicht hat sie ja auch etwas gerochen.

„Warum warten, wir sind perfekt füreinander“, schmeichelt er und greift nach ihrem Oberarm. „Ich will keine Minute mehr ohne dich sein.“

Ob sie die Ungeduld in seiner Stimme hören kann?

„Nein, wirklich“, sagt sie. „Heute Abend nicht. Lass uns telefonieren, ok? Wir könnten uns morgen zu einem Spaziergang im Park treffen.“

Ich liebe Spaziergänge im Park. Er nicht.

„Nun komm schon, hab dich nicht so“, sagt er und ich kann sehen, wie sich sein Griff um ihren Oberarm verstärkt.

„Lass mich los“, sagt sie.

Er drängt sie in Richtung der offenen Haustür.

„Erst heißmachen, dann kneifen. So haben wir nicht gewettet.“

Ich kann ihre Angst riechen und ihre Traurigkeit. Da ist auch Wut, aber die hat sie viel zu tief in sich vergraben. Dafür werde ich wütend. Ein Laut entringt sich meiner Kehle, wie ein tiefes Knurren. Der Mann dreht sich nach mir um.

„Verpiss dich“, sagt er.

Sie hat sich ebenfalls umgedreht. Ihre großen blauen Augen blicken flehend. Aber da bin nur ich, und ich sehe, wie die Hoffnung auf Hilfe in ihrem Blick erstirbt.

„Na los, komm schon“, sagt der Mann und schiebt sie vorwärts, in das Haus hinein.

„Nein.“

Er holt aus. Sie duckt sich und ich mache einen Satz nach vorne. Ich habe es noch nie dulden können, wenn jemand geschlagen wird. Egal ob Frauen oder Kinder. Das hat mir schon öfters Ärger eingebracht, aber so bin ich nun mal.

„Aua!“, schreit der Mann.

Er versucht, mich wegzuscheuchen, aber ich habe ihn gepackt und lasse nicht los.

„Was soll die Scheiße, lass das!“, jault der Mann.

Die Frau hat sich befreit und auf den Bürgersteig gerettet. Sie ist nicht weggelaufen, aber sie steht in sicherer Entfernung von der immer noch offenen Haustür. Ich lasse den Mann los.

„Er hat mich gebissen!“, beschwert er sich.

Der Geschmack seines Hinterns in den engen Jeans war wirklich ekelhaft, und ich hoffe, sehr, dass ich noch alle Zähne habe.

„Ich werde die Polizei holen!“, droht der Mann.

Das könnte ein Problem werden. Hinter Gittern war ich schon mal. Nicht schön. Der Mann knallt die Haustür hinter sich zu.

„Puh“, sagt die Frau. „Das war knapp. Danke.“

Ich lege meinen Kopf schräg und sehe sie an.

„Kein Halsband, keine Marke, kein Zuhause?“

Gut erkannt. Ich lasse meine braunen Augen sprechen. Sie bückt sich zu mir, krault mich hinter den Ohren. Ich kann spüren, wie ihr Zittern nachlässt.

„Du bist ein Geschenk des Himmels,“, sagt sie. „Heute Abend schon was vor?“

Na bitte, geht doch.

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